Verschuldung der Freiburger Landwirtschaftsbetriebe: Was sagen die Finanzkennzahlen? (Artikel 2/2)
In unserem ersten Artikel haben wir die strukturelle Entwicklung der Freiburger Landwirtschaft aufgezeigt. Diese bewegt sich hin zu grösseren Betrieben mit höheren Bilanzsummen. Dieser Strukturwandel ist mit erheblichen Investitionen und oft auch einem verstärkten Bedarf an Fremdkapital verbunden.
Ein hoher Verschuldungsgrad ist jedoch nicht zwangsläufig problematisch. Es kommt auf die Fähigkeit des Betriebs an, genügend Liquidität zu generieren, um seine Schulden zu tilgen und seine Entwicklung zu finanzieren. Um diesen Aspekt zu analysieren, stützt sich der Bericht von Grangeneuve auf sieben Finanzindikatoren, die auf eine Stichprobe von 112 Freiburger Betrieben angewendet wurden. Die Daten stammen aus den Jahren 2018 bis 2022. Aus jedem dieser Indikatoren resultiert eine Note, anhand sich das mit der Schuldenlast verbundene Risiko auf einer Skala von 100 (sehr hohes Risiko) bis 500 (sehr geringes Risiko) bewerten lässt.
Quelle: Per KI generiert
Indikatoren zum Verständnis der finanziellen Stabilität
Zu diesen Indikatoren gehört zunächst der Fremdfinanzierungsgrad. Dieser entspricht dem Anteil der Schulden an der Bilanzsumme des Betriebs. Zwischen 2018 und 2022 sinkt dieser Anteil schrittweise von 54,3 % auf 48 % (im Vergleich zu 51 % im Schweizer Durchschnitt im Jahr 2022). Dieser Rückgang deutet auf eine Verringerung der Verschuldung in diesem Zeitraum hin. Die Situation bleibt jedoch uneinheitlich: Im Jahr 2022 wiesen noch immer mehr als ein Drittel der Betriebe eine Verschuldungsquote von über 55 % auf, was sie in eine instabile finanzielle Lage versetzte. Am Ende des Zeitraums erreicht die Durchschnittsbewertung der 112 Betriebe 292 Punkte, womit sich der Indikator im mittleren Risikobereich befindet.
Ein weiterer wichtiger Indikator ist die Nettoverschuldung pro Hektar. Sie misst das Ausmass der finanziellen Verpflichtungen im Verhältnis zur bewirtschafteten Fläche. In Freiburg zeigt dieser Indikator mit einem Wert von 342 Punkten eine günstige Situation an, die einem geringen Risiko entspricht.
Im untersuchten Zeitraum sank die durchschnittliche Nettoverschuldung von 14’812 CHF/ha im Jahr 2018 auf 11’839 CHF/ha im Jahr 2022 (gegenüber 16’049 CHF/ha im Schweizer Durchschnitt im Jahr 2022). Dieser Rückgang der Verschuldung pro Hektar um rund 20 % deutet auf eine positive Entwicklung hin.
Beim dritten Indikator, der den Anteil des durch langfristige Verbindlichkeiten finanzierten Anlagevermögens misst, also den Anteil der durch Fremdkapital finanzierten Gebäude, Anlagen und Grundstücke, ist das Bild uneinheitlicher. Obwohl dieser Indikator eine leichte Verbesserung von 67,4 % im Jahr 2018 auf 60,2 % im Jahr 2022 zeigt (gegenüber 63,3 % im Schweizer Durchschnitt im Jahr 2022), bleibt ein grosser Teil der Betriebe stark verschuldet. Im Jahr 2022 überschreitet mehr als ein Drittel der Betriebe eine Quote von 75 %, was auf eine ausgeprägte Abhängigkeit von Fremdfinanzierungen für strukturelle Investitionen hindeutet. Insgesamt liegt die Durchschnittsnote der 112 Betriebe bei 242 Punkten, womit dieser Indikator in einem Bereich mit hohem Risiko liegt.
Die zentrale Rolle des Cashflows
entscheidender Faktor. Mehrere Indikatoren analysieren daher den Cashflow, also die durch die laufende Geschäftstätigkeit erwirtschaftete Liquidität.
Der Bericht zeigt, dass das Verhältnis zwischen Liquidität und Umsatzvolumen insgesamt zufriedenstellend ist. Dieser Indikator ist von 32,8 % im Jahr 2018 auf 38,2 % im Jahr 2022 gestiegen (der Schweizer Durchschnitt lag 2022 bei 33,2 %). In den meisten Fällen verfügen die Betriebe somit über ausreichende Liquidität im Verhältnis zu ihrer Geschäftstätigkeit. Dies deutet darauf hin, dass die in den letzten Jahren getätigten Schuldentilgungen nicht zu Lasten einer ausreichenden Liquidität gingen. Mit 357 Punktenliegt die Durchschnittsquote in einer Kategorie mit geringem Risiko.
Demgegenüber bleibt der Cashflow pro Hektar im Kanton Freiburg mit
1’718 CHF im Jahr 2022 relativ gering. Er sank gegenüber dem Jahr 2018, als er noch bei 1’822 CHF lag. Im Schweizer Durchschnitt lag er im Jahr 2022 bei 2’041 CHF. Ein grosser Teil der Betriebe erwirtschaftet weniger als 1’500 CHF Liquidität pro Hektar. Diese Situation kann durch mehrere Faktoren erklärt werden, insbesondere durch einen geringeren Anteil an Kulturen mit hoher Wertschöpfung, eine geringere Anzahl an GVE pro Hektar oder geringere Nebeneinkünfte. Mit einer Durchschnittsnote von 237 Punkten liegt dieser Indikator in einer Kategorie mit hohem Risiko.
Bezieht man den Cashflow auf den Gesamtumsatz des Betriebs, fällt das Ergebnis besser aus, auch wenn es von 16,3 % im Jahr 2018 auf 13,7 % im Jahr 2022 sinkt (im Schweizer Durchschnitt waren es 2022 14,3 %). Insgesamt gelingt es den Betrieben, einen angemessenen Anteil an Liquidität aus ihrem Umsatz zu generieren. Dies deutet auf eine gute Kontrolle der Kosten und laufenden Ausgaben im Kanton Freiburg hin. Mit einer Durchschnittsnote von 341 Punkten fällt dieser Indikator in die Kategorie «geringes Risiko».
Schliesslich sinkt der Schuldentilgungshorizont, also die Anzahl der Jahre, die benötigt werden, um alle Schulden mit den gesamten verfügbaren liquiden Mitteln zu tilgen - von 10,02 Jahren im Jahr 2018 auf 6,78 Jahre im Jahr 2022 (gegenüber 8,05 Jahren im Schweizer Durchschnitt im Jahr 2022). Allerdings weisen noch immer fast die Hälfte der Betriebe eine theoretische Rückzahlungsdauer von mehr als zwölf Jahren auf, was deutlich über dem Zielbereich von 5 bis 8 Jahren liegt. Mit einer Durchschnittsnote von 292 Punkten fällt dieser Indikator in die Kategorie «mittleres Risiko».
Eine insgesamt eher stabile Lage
Durch die Kombination aller Indikatoren erhält jeder Betrieb eine Gesamtbewertung des finanziellen Risikos. Diese reicht von 100 für ein sehr hohes bis 500 für ein sehr geringes Risiko. Diese vom SuisseMelio-Rating inspirierte Methode bietet einen klaren Überblick über die wirtschaftliche Stabilität der Betriebe.
Im Jahr 2022 befand sich etwas mehr als die Hälfte der untersuchten Betriebe in den Risikokategorien «gering» bis «mittel-gering». Demgegenüber wiesen etwa ein Viertel der Betriebe erhebliche oder sehr hohe Risiken auf.
Die Entwicklung der letzten fünf Jahre ist dennoch ermutigend. So nimmt der Anteil der Betriebe mit einem hohen Risiko leicht ab, während der Anteil der stabileren Betriebe leicht zunimmt. Mit anderen Worten: Wenn die Betriebe keine neuen Schulden aufnehmen, verbessert sich ihre finanzielle Lage tendenziell mit der Zeit.
Hinter dieser durchschnittlichen Verbesserung verbergen sich jedoch sehr unterschiedliche Situationen. Einige Betriebe stärken ihre Finanzstruktur deutlich, während andere erhebliche Schwankungen von Jahr zu Jahr verzeichnen. Diese Vielfalt spiegelt die sehr unterschiedlichen Strategien und Rahmenbedingungen der einzelnen Betriebe wider.
Investieren und dabei stabil bleiben
Auch die ergänzenden Daten liefern interessante Erkenntnisse. So blieb die Zahl der im Kanton Freiburg gewährten Investitionskredite zwischen 2018 und 2022 relativ stabil, während die Darlehen für Betriebe in Schwierigkeiten zurückgingen. Diese Entwicklung kann als allgemein positives Signal gewertet werden: Die Betriebe investieren weiterhin und begrenzen gleichzeitig mögliche finanzielle Notlagen.
Quelle: Grangeneuve, Statistik der landwirtschaftlichen Buchführungen, 2018–2022, Sektion Landwirtschaft.
Die Analyse zeigt schliesslich, dass die Verschuldung der Freiburger Betriebe insgesamt unter Kontrolle bleibt, wenngleich bestimmte Strukturen weiterhin anfälliger sind. Die finanzielle Lage des Sektors erscheint stabil und die Situation bei einem Teil der Betriebe verbessert sich allmählich.
Die Herausforderung für die kommenden Jahre wird darin bestehen, dieses Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, das heisst, weiterhin in die Modernisierung der Betriebe zu investieren und gleichzeitig eine ausreichende Rückzahlungsfähigkeit sowie eine solide Liquiditätsreserve zu gewährleisten. Denn wie die Studie deutlich macht, ist Verschuldung an sich kein Problem – sie wird erst dann zu einem Risiko, wenn sie die tatsächliche Fähigkeit des Betriebes übersteigt, sie zu bewältigen.
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!Wissenschaftlicher Mitarbeiter